Stephan Hähnel ist der Meister des schwarzen Humor. (Berliner Kurier, 2010)
Er ist überzeugt, brillante Verbrechen bedürfen keiner genialen Idee. Manchmal reicht eine passende Gelegenheit oder eine unerwartete Erkenntnis, um den Händen ihre Unschuld zu nehmen. Was soll’s! Moral ist doch nur ein der Situation angemessenes Verpackungsmaterial.
In seinen Geschichten sind sich Täter und Opfer auf eine nette Art vertraut. Man kennt sich. Die lieben Mitbürger helfen einander. Getreu dem Motto: Gießt du mein Pflanzen, entsorge ich deine Frau, wird alles getan, das Nachbarschaftsverhältnis mit positiven Energien anzureichern. Für alle Freunde des gepflegten Vergehens, der bewussten Widrigkeit und des gedanklichen Abmurksens ungeliebter Zeitgenossen, ist diese Lesung eine gute Möglichkeit, mit einem Schmunzeln, die eine oder andere Variante, genüsslich zu denken.
Weitere Informationen unter: www.stephan-haehnel.com
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Leseprobe (aus dem Buch: Von gestressten Killern …)
Geteiltes Leid ist halbes Leid
Einen Moment spielte Werner Kronberg ernsthaft mit dem Gedanken, seiner Frau Marianne die Nase zuzuhalten, wissend, ihr Schnarchen würde nach einem Augenblick des Luftanhaltens, mit einem erstickenden Kehllaut enden. Anschließend würde sie etwas Unverständliches brummen oder grunzen, so genau konnte er das nicht differenzieren, um dann schließlich beleidigt und theatralisch ihre beträchtliche Masse auf die Seite zu wälzen. Meist schlief sie sofort wieder ein. Nur selten stand sie auf, ging in die Küche, um nach den versprengten Resten des Abendmahls zu fanden oder sich mit Hilfe von mehreren Stücken Schokolade, ein paar Glückshormone zuzuführen.
Das Risiko wollte Kronberg heute nicht eingehen. Soll sie schnarchen, dachte er und schaute erneut auf die rötlichen Ziffern der Uhr. Seit seinem letzten prüfenden Blick waren nicht einmal fünf Minuten vergangen.
Noch eine gute Stunde würde er es ertragen müssen. Die Gefahr einzuschlafen bestand nicht, dafür würde sie schon sorgen. Wieder fragte er sich, ob alles perfekt vorbereitet war, verwarf aber dann die Frage. In den letzten zwei Stunden hatte er seinen Plan genaustens geprüft und ihn als vollkommen empfunden.
Wann Marianne das erste Mal geschnarcht hatte, hätte er mit Bestimmtheit nicht sagen können. Der Einfachheit halber entschied er, dass die ersten, noch dezenten Töne, beim Überschreiten der kritischen Masse von achtzig Kilo eingesetzt hatten. Seit gut einem Monat waren sie neunzehn Jahre verheiratet und die Aussicht, dass dieses Geräusch nicht nur lauter, sonder auch noch einige Oktaven tiefer werden würde, ließ ihn fast verzweifeln. Auch wenn er nicht an Gott glaubte, sein gedanklicher Stoßseufzer galt vorwurfsvoll einer höheren Instanz. Warum nur mutieren Frauen, die sich ihrer Männer amtlichversichert haben, zu derartigen Masseansammlungen. ….



